Michael Reichle, CEO von Siemens Postal, Parcel & Airport Logistics erläutert im Interview die cloud-basierten Logistik-Software-Lösungen von Siemens

 

 

 

Herr Reichle, die Verzahnung der industriellen Produktion mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik wird als vierte industrielle Revolution bezeichnet – kurz Industrie 4.0.
Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Logistikbranche?

 

Industrie 4.0 stellt höchste Ansprüche an die Liefergenauigkeit und -flexibilität von Rohmaterialien, Zwischenprodukten, Fertigteilen und anderen Waren. Die Logistikdienstleister als integraler Bestandteil der Wertschöpfungskette müssen deshalb noch schneller, sicherer und zuverlässiger arbeiten. Damit Logistik zukünftig ihre Position in der Wirtschaft noch weiter ausbauen kann, dürfen wir Software nicht mehr als Erfüllungsgehilfen betrachten. Software ist die treibende Kraft, die verknüpfte Prozesse nachhaltig auf ein durchgehend hohes Leistungs-Niveau hebt.

 

 

Warum ist Siemens der ideale Partner für die Logistikwelt?

Flughäfen, Paket- und Güterverkehrszentren zählen zu den wichtigsten Umschlagspunkten auf der Weltkarte der Logistik. Nonstop laufen hier Massen von Waren zusammen, die gebündelt, aufbereitet und verteilt werden. Und genau dort sind wir seit Jahrzehnten mit unseren Material Handling-Lösungen erfolgreich tätig.

Dabei ist Siemens längst nicht mehr das traditionelle Maschinenbau-Unternehmen, sondern auch ein erfolgreicher Software-Spezialist. Durch die Vernetzung unserer innovativen Software-Lösungen sind wir in der Lage, sowohl die Aktivitäten innerhalb der Sortierzentren als auch die Transportströme in den gesamten Lieferketten weltweit zu koordinieren. Durch integrierte Software-Lösungen schafft Siemens ein neues Maß an Transparenz und bietet ein enormes Optimierungspotenzial für die Prozesse der Logistikdienstleister und deren Kunden.

 

Sie haben gerade die Transportströme in den weltweiten Lieferketten angesprochen. Könnten Sie bitte Ihre Software-Lösungen in diesem Bereich skizzieren?

Um die Prozesse unserer Kunden maximal effizient und produktiv zu gestalten, kombinieren wir unsere mechatronischen, hochautomatisierten Lösungen mit intelligenter Software. In diesem Bereich haben wir uns zum Beispiel im April 2015 durch die Akquisition der Firma Axit verstärkt. Mit unserer Tochter bieten wir die cloud-basierte Logistik-Plattform AX4 zur lückenlosen Verfolgung von Warensendungen gemeinsam mit den Softwarebausteinen zur Prozessoptimierung für Sortierzentren an. Alle Beteiligten der Logistikkette – von der Fertigung über den Transport mit LKW, Schiff oder Flugzeug bis ins Logistikzentrum und zur Auslieferung – können nun auf dieselben in der Cloud hinterlegten Daten zugreifen und entsprechend zügig und rechtzeitig reagieren. Damit bieten wir allen Beteiligten eine transparente und durchgängige Lieferkettenüberwachung und -steuerung – und das in Echtzeit! Zudem bietet die mobile Variante der Software neben der Integration aller Beteiligten auch höchste Agilität.

 

Gibt es bei cloud-basierten Lösungen keine Bedenken zur Datensicherheit?

Höchste Datensicherheit hat bei unserer Software-Plattform oberste Priorität. Um diese Datensicherheit zu gewährleisten, verfügen wir über ein umfassendes Sicherheitskonzept: vom Hosting in Hochsicherheits-Rechenzentren über einen ganzheitlich verschlüsselten Datentransfer bis zur Absicherung über Firewalls. Darüber hinaus unterstützen wir unsere Kunden dabei, die entscheidenden Sicherheitsmaßnahmen auch in ihrem Unternehmen zu leben. Dazu gehören beispielsweise Zugänge zu Programmiercodes, Zugänge zur Software, Training der Mitarbeiter und natürlich kompetente, fachlich versierte Datenschutzbeauftragte.

 

Wie ermöglichen Sie Ihren Kunden den reibungslosen Einstieg in die Digitalisierung?

Viele Unternehmen in der Logistik erkennen zwar, dass die Digitalisierung umfassende Umwälzungen mit sich bringt. Dass damit auch konkrete Chancen für sie verbunden sind, ist manchmal nicht offensichtlich. Wir bieten unseren Kunden deshalb einen so genannten Digital Maturity Check an. Er zeigt in kürzester Zeit auf, wo die Unternehmen heute beim Thema Digitalisierung stehen, welche Chancen sich für sie ergeben und wo die vielversprechendsten Handlungsfelder liegen. Es ist ein pragmatischer Check, in den unsere Erfahrungen aus über 2.500 Software-Projekten zum Lieferkettenmanagement eingeflossen sind. Darüber hinaus ziehen wir Vergleiche zu führenden Unternehmen aus der Supply Chain und deren Best Practices.

 

Wie agil ist Ihre Plattform, um bestehende IT-Systeme der Unternehmen anzubinden?

Die Digitalisierung der Supply Chain bedeutet nicht, dass Unternehmen ihre eigenen Systeme aufgeben oder anpassen müssen. Ziel ist es vielmehr, auf den bestehenden Systemen aufzusetzen und sie intelligent über die Cloud Plattform AX4 miteinander zu verbinden. AX4 fungiert als zentrale Datendrehscheibe, integriert unterschiedlichste externe Systeme (z.B. ERP, Versandmanagement, Speditionsprogramme, Sortiersteuerung etc.), liest Daten aus verschiedenen Quellen ein, bündelt und ergänzt sie

 

Welche Voraussetzungen sind heute gefragt, um alle beteiligten Unternehmen der Supply Chain in einen digitalisierten, kollaborativen Prozess einzubeziehen?

Die bisherigen bilateralen Geschäftsbeziehungen werden durch eine fließende Zusammenarbeit vieler Teilnehmer in einem offenen Netzwerk – neudeutsch „open collaboration“ – ersetzt. Wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Kollaboration ist eine Software wie AX4, die standortunabhängig verfügbar ist und unternehmensübergreifende Workflows durch einfachste Interfaces ermöglicht. Zugrunde liegt die Erkenntnis, dass transparente Vernetzungen auf einer offenen Cloud-Plattform die Effizienz in der Logistik revolutionieren kann.

Die Kunden profitieren direkt von Siemens‘ Know-how aus den Bereichen Gepäck-, Cargo-, Paket- und Distributionslogistik, und schon wird durchgängige „Open Col­laboration“ ermöglicht.

 

Was zeichnet aus Ihrer Sicht erfolgreiche Logistik-Software der Zukunft aus?

Zukunftsfähige Software muss in Echtzeit per Click konfigurierbar sein – statt aufwendig hartcodiert, um der Volatilität der Märkte und Prozesse Rechnung tragen zu können.
Die moderne Auto-Produktion dient uns als Vorbild: Jeder Kunde erhält heute exakt den Pkw, den er sich wünscht. In der Auto-Produktion bedeuten Sonderwünsche aber keine teure Einzel-Entwicklung, sondern die individuelle Kombination fertiger Module. So muss auch Software aufgebaut und strukturiert sein – einfach und aus einem „Baukasten“ konfigurierbar.

Zum Zweiten: Software muss sich vernetzen. Die Industrie 4.0 transferiert immer mehr Software-Intelligenz in die Gegenstände: Paletten, Wagons oder Maschinenteile verfügen über Tags, die Informationen sammeln, auswerten und sich damit teilweise selbst steuern. Im Hinblick auf das Internet of Things müssen große Software-Plattformen wie AX4 diese großen Informationsmengen skalierbar aufgreifen, koordinieren und verarbeiten können.

Zum Dritten geht es darum, dass die komplette Supply Chain mit Software hinterlegt sein muss und steuerbar sein soll. Hier profitieren unsere Kunden wiederum von unserer Erfahrung und unserem Know-how in den Bereichen Flughäfen, Cargo-Hubs und Paketzentren.

 

Sehr geehrter Herr Reichle, vielen Dank für das Interview!

 

Links zu den Webseiten:

www.siemens.com/logistics

www.axit.de

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