Die TREND REDAKTION sprach mit Burkhard Remmers, Wilkhahn über die Gestaltungsmöglichkeiten agiler Unternehmen.

 

Herr Remmers, wie werden sich Ihrer Meinung nach Coworking Spaces in Zukunft noch entwickeln?
Die Bedeutung wird zunehmen und die Gestaltung wird professioneller. Aktuell ist die Nutzung noch sehr heterogen: Sie reicht von den Protagonisten der Ich-AGs, die sozialer Vereinsamung entkommen und gleichzeitig Netzwerk-Aufbau betreiben möchten, über temporäre Nutzungen etwa auf Reisen oder für projektbezogene Arbeitsgemeinschaften bis hin zur systematischen Nutzung als Innovationsort für Unternehmen, die eigentlich ihre eigenen Räume haben, aber den Raumwechsel als Chance erkannt haben, hier wirklich neu denken und arbeiten zu können. Entsprechend reicht das Erwartungs- und Gestaltungsspektrum von „WG-Feeling“ bis zum hochprofessionellen Innovationslabor. Vor allem letzteres dürfte zunehmen, da insbesondere größere Unternehmen vermehrt Methoden wie Design Thinking nutzen und auch den Austausch mit den Mini-Firmen zu schätzen wissen. Allerdings werden Coworking Spaces wohl noch lange auf die Hubs, auf die großen Städte beschränkt bleiben.

 

Inwiefern unterstützen Sie die betriebliche Gesundheitsförderung mit Ihren Ergonomiekonzepten?
Die Bewegungsförderung ist eine der größten Herausforderungen für die Gesunderhaltung. So wichtig und richtig die Entlastungsstrategien der Vergangenheit waren, um Schädigungen durch einseitige Überlastung zu reduzieren, so offensichtlich ist heute, dass sie im Büro inzwischen in die Sackgasse führen. Bewegungsmangel gilt als eine der Hauptursachen für Muskel-und Skeletterkrankungen, geringe psychische Belastbarkeit, Herz-Kreislauferkrankungen und ein schlechtes Immunsystem. Wir versuchen mit unseren Konzepten, die Menschen im Büro in jeder Hinsicht zu bewegen. Am Arbeitsplatz selbst, an dem wir mit der neuen Stuhlmechanik Trimension® in unseren Modellen ON und IN dem Sitzen sozusagen das Laufen beigebracht haben, mit Steh-Meetings, die wir mit dem Steh-Sitzklassiker „Stitz“ unterstützen, oder auch mit dynamischen Einrichtungskonzepten für Workshop und Seminar, die Aktivierung und Selbstorganisation in den Mittelpunkt stellen. Ziel ist, wieder mehr Bewegung in die digitalisierte Arbeitswelt zurückzubringen – und das so selbstverständlich wie möglich. Studien des renommierten Zentrums für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln zeigen signifikante Zusammenhänge von höherem Wohlbefinden und besserer Konzentrationsförderung mit kleinen, häufigen und vielfältigen Bewegungen und Haltungswechseln am Arbeitsplatz. Es geht dabei wohlgemerkt nicht um Sport oder Fitness, sondern um die Verbindung von Entlastung mit Bewegung, möglichst über den gesamten Tagesverlauf hinweg, um die „Mindestdrehzahl“ im „Stoffwechselmotor“ Muskulatur zu erreichen.

 

Mit welchen Konzepten unterstützen Sie eine agile Unternehmenskultur?
Agilität ist ein schönes Wort, weil es Beweglichkeit sowohl im physiologischen wie auch im geistigen Sinne einschließt. Viele reduzieren das auf die organisationale Beweglichkeit, ohne zu reflektieren, dass diese auf der individuellen Agilität der Mitarbeiter beruht. Bewegung ist eine conditio sine qua non für Begegnung und die Begegnung wiederum ist Grundvoraussetzung für die Agilität eines sozialen Organismus. Wir hatten bereits 1994 mit dem Programm Confair als weltweit erster Hersteller ein konsistentes Einrichtungskonzept für Projektarbeit und Workshop entwickelt. Kleinteilig, mobil und selbstorganisiert sind die einzelnen Einrichtungsmodule wie etwa Tische, Stapelstühle, Schreibpulte, Pinnwände, Flipcharts und Organisationscontainer als Werkzeuge gestaltet, die von der Gruppe ganz nach Bedarf und Methode genutzt werden. Im Mittelpunkt stand die Idee, die Betroffenen von Changeprozessen zu aktiven Beteiligten zu machen, sie als „Co-Autoren“ zu gewinnen, die sich mit dem Prozess identifizieren und ihr Wissen unabhängig von hierarchischen Rollen einbringen. Wir waren der Zeit damit weit voraus, denn wir hatten für die Kernprozesse des agilen Unternehmens, die entsprechenden Tools geschaffen: für Kommunikation, Kooperation und Koordination. Dazu kommen die bereits erwähnten Einzelmöbel, die individuelle Beweglichkeit und gruppendynamische Interaktionen fördern. Der Stand-Up beispielsweise ist nicht nur ein farbenfroher Hingucker und ein Gymnastik-Objekt für Bewegungspausen – er lädt auch ganz spielerisch zu neuen Settings für ein kurzes Brainstorming ein. Unsere Beiträge beschränken sich aber nicht auf die „Hardware“. Die Erkenntnisse aus vielen Forschungsprojekten und jahrzehntelangen Erfahrungen mit Praxisbeispielen haben wir 2008 im „Planungshandbuch für Konferenz- und Kommunikationsräume“ veröffentlicht, das bei Birkhäuser erschienen ist. Hier finden Sie die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Individuum, Gruppe und Organisation auf der einen Seite und den räumlichen Abbildungen zur Förderung der jeweiligen Prozesse auf der anderen Seite. – Ein wichtiges Lehrbuch für räumliche Gestaltung agiler Unternehmenskulturen.
Arbeiten 4.0:

Wird das neueste Vodafone-Beispiel im Kontext von Home-Office-Arbeitsplätzen Schule machen?

Bis zur Hälfte des Arbeitstages zuhause arbeiten zu können, ist sicher für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine interessante Option. Es gibt allerdings auch Gegenbewegungen. Die bekannteste ist die Zurücknahme der Homeoffice-Freiheit durch Marissa Mayer bei Yahoo Anfang 2013. Aus unserer Sicht gilt zu unterscheiden, welche Prozesse im Home-Office stattfinden können und welche die Anwesenheit im Büro erfordern. Die Einzelarbeit kann zuhause manchmal besser erledigt werden – wobei selbst das sehr von den individuellen räumlichen und familiären Umständen abhängt. Zudem hat nicht Jeder die Kraft und Disziplin, sich autonom zu organisieren. Vor allem aber leben gerade die Arbeitsformen Kooperation und Koordination von der persönlichen Begegnung und von der opportunistischen, informellen Kommunikation. Wissen zu teilen, heißt in erster Linie, Wissen mitzuteilen. Dabei werden die größte Dichte, die höchste Glaubwürdigkeit und die intensivste Beteiligung in der persönlichen Begegnung erreicht. Zudem lassen sich durch die zunehmende Komplexität der Geschäftsprozesse die Folgen von Entscheidungen immer weniger am „grünen Tisch“ voraussehen, sondern erst in der Spiegelung mit dem Erfahrungswissen im Unternehmen. Häufig kommen wichtige Vernetzungen erst durch die zufällige Begegnung in der Kantine, vor dem Aufzug oder auf dem Parkplatz ins Bewusstsein. Mehr noch: Aus der Innovationsforschung wissen wir, dass weit über 80% aller innovativen Ideen in den persönlichen Begegnungen zwischen Menschen entstehen. Während sich formalisierte Treffen planen lassen, braucht es  gerade dafür die zufälligen Begegnungen. Ob und wie weit Home-Office-Lösungen sinnvoll sind, kommt also sehr auf die Einzelfälle an – sowohl bezüglich der Prozesse als auch bezüglich der Persönlichkeiten und Umstände.

 

Welche Raumkonzepte benötigen Unternehmen hierfür?
Die Kernfragen, die es hier zu beantworten gilt, sind: Wo und wie können sich die Menschen im Gebäude verabreden und treffen? Wer sollte sich sinnvoller Weise öfter über den Weg laufen? Wie kann dem Zufall der Ideen- und Wissensbegegnung auf die Sprünge geholfen werden? Wo müssen solche Plätze und Orte im Gebäude liegen, welche Attraktivität müssen sie haben, damit sie aufgesucht werden? – Und welche Aufenthaltsqualität müssen sie bieten, damit man dort auch gerne verweilt? Wissens- und Innovationsmanagement ist jenseits der Datenbanken in allererster Linie eine Aufgabe der Gebäudeplanung und -ausstattung. Weil hier sowohl der einzelne Mensch wie auch die sozialen Beziehungen im Fokus stehen, geht es dabei insbesondere um „halböffentliche“ Räume. Um all das, was zwischen Arbeitsplatz und Besprechungs-, Schulungs- und Konferenzraum liegt: Wege, Stege, Treppen, Plätze, Teeküche, Betriebsrestaurant, Bibliothek, Spielplatz, Terrasse, Garten, Lounge… Nicht umsonst werden für solche Bürolandschaften Begriffe aus der Stadtplanung verwendet: „City Office“, „Village Office“, „Break-out-areas“ – all das verweist auf die sozialen Qualitäten der Raumplanung. Früher als notwendiges Übel betrachtet gewinnen diese In-Between-Bereiche eine zentrale Bedeutung für die Frage, wie ein Gebäude die Menschen befähigen kann, sich im Gebäude zu bewegen, zu treffen, auszutauschen und gemeinsame Ideen zu entwickeln. Ob die Raum- und Organisationskonzepte nun „Smart Office“, „Activity based Workspace“, „Open Office“ oder „New Work Order“ genannt werden, ist eigentlich unerheblich. Der Architekt und Universitätsprofessor Gunter Henn, bezeichnet Architektur als „Möglichkeitsraum“, der Interaktionen fördern, zulassen oder auch verhindern kann. Für agile Unternehmen wird das zum alles entscheidenden Kriterium.

 

Herr Remmers, vielen Dank für das Gespräch!

Den Expertenbeitrag von Burkhard Remmers finden Sie hier:

Büro 4.0 – Bewegungs- und Begegnungsraum

 

weiterführende Informationen:

Wilkhahn

Aufmacherbild /Quelle / Lizenz

© Foto: Wilkhahn

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