Büro 4.0 – Bewegungs- und Begegnungsraum

Gastbeitrag: Burkhard Remmers

Gesund, leistungsfähig und vernetzt: das Büro als Bewegungs- und Begegnungsraum

Nahezu wöchentlich berichten Publikumsmedien über brisante Erkenntnisse, die vor allem mit unserem sitzenden Lebens- und Arbeitsstil zu tun haben. Inzwischen gilt fast jeder zweite Arbeitsplatz als Büroarbeitsplatz und gerade der fördert vor allem das Sitzfleisch. Mit fatalen Folgen für Mensch und Unternehmen.

Wer eine wirklich performanceorientierte Arbeitsweltgestaltung erreichen möchte, kommt angesichts der neuen Erkenntnisse der Gesundheitsforschung an einer Revision der bisherigen Planungsgrundlagen zu Räumen und Prozessen nicht vorbei:

Nicht noch mehr Entlastung und Verdichtung, sondern mehr Bewegung und Entzerrung sind das neue Gebot für gesunde Büroarbeitswelten. Zumal durch mehr Bewegung auch mehr Begegnung gefördert wird:

Wilkhahn-Aktivpause-design
Bringt Bewegung in kurze Aktivpausen, ganz gleich ob informellen Kommunikationsecken, Foyers, Workshop- oder Projektarbeitsräumen

Austausch, Ideenentwicklung und Kooperation rücken zunehmend ins Zentrum moderner Bürokonzepte.

Die Digitalisierung fast aller Prozesse führt zu einem ebenso dynamischen wie grundlegenden Wandel der Arbeitswelt: Zum ersten Mal rückt – und das wird bis heute in seiner Tragweite häufig übersehen – der Mensch selbst in das Zentrum der Wertschöpfung einer auf Wissen basierten Ökonomie.

Es geht daher vor allem um zwei zentrale Fragen zur Gestaltung von Arbeitsplätzen und Prozessen: Wie können die Mitarbeiter besonders motiviert und gut arbeiten? Und wie erreicht man, dass sie möglichst lange gesund und bis zum Rentenalter arbeitsfähig bleiben? Dass hier die bisherigen Rezepte ganz offensichtlich in eine Sackgasse führen, zeigt der Blick in die Statistiken der Krankenversicherungen.

Flaschenhals Mitarbeitergesundheit

Bis 2004 nahmen die krankheitsbedingten Fehltage ab, seitdem steigen sie deutlich an mit Schwerpunkt auf Rückenbeschwerden und depressiven Erkrankungen. Die BKK hat in 2014 bei ihren Versicherten im Schnitt 17,6 Krankheitstage gezählt und die Technikerkrankenkasse in 2014 für Deutschland 40 Millionen Fehltage allein durch Rückenbeschwerden errechnet.

Und inzwischen ist es auch in der breiten Öffentlichkeit und in den Betrieben angekommen: Nicht nur „Rücken“ sondern viele weitere Störungen des Stoffwechselsystems werden mit besonders bewegungsarmen Lebens- und Arbeitsstilen in Verbindung gebracht.

Das stellt Unternehmen und Gesellschaft nicht nur vor finanzielle Herausforderungen: Angesichts von Fachkräftemangel, demografischem Wandel und verlängerten Lebensarbeitszeiten wird die Mitarbeitergesundheit zum Flaschenhals der Unternehmensentwicklung.

Sport- und Gesundheitswissenschaftler wie Prof. Ingo Froböse vom Zentrum für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln führen den alarmierenden Anstieg darauf zurück, dass die Strategien in Arbeitsschutz, Arbeitsergonomie und Gebäudetechnologie dazu führen, dass aus der Entlastung inzwischen eine komatöse physiologische Unterforderung geworden ist.

Wird es da nicht höchste Zeit, die bisherigen Grundlagen der Arbeitsweltgestaltung kritisch zu hinterfragen und die Anforderungen zu berücksichtigen, die dem aktuellen Forschungsstand zu den notwendigen physiologischen Minimalaktivitäten entsprechen?

Physiologische und psychologische Destabilisierung im Kontext der Digitalisierung

Eine Folge der Digitalisierung ist, dass die erforderlichen Bewegungen zur Bewältigung der Arbeit auf die Bedienung von Tastatur, Mouse oder Touch-Display reduziert sind. Der Bewegungsmangel gilt umgekehrt als eine Hauptursache für die im Durchschnitt immer schlechtere, gesundheitliche Verfassung und den wachsenden Anteil von Übergewicht und Fettleibigkeit der Beschäftigten gesehen – allen Anstrengungen im betrieblichen Gesundheitsmanagement zum Trotz. Das Zentrum für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln geht davon aus, dass inzwischen über 80 Prozent der Rückenschmerzen durch körperliche Unterforderung verursacht sind.

Gleichzeitig sind durch die Digitalisierung die mentalen Belastungen deutlich gestiegen: Arbeitsverdichtung, multimediale Störfaktoren, dauernde Erreichbarkeit und fehlende Medienkompetenz führen zu häufigen und langen Stressphasen. Mentale Überlastung bei gleichzeitiger körperlicher Unterforderung wird als besonders kritische Kombination gesehen: Bei Stress werden Hormone und Neurotransmitter ausgeschüttet, die den Organismus in Alarmbereitschaft und die Muskulatur unter Spannung setzen. Wird diese Disposition nicht in Bewegung umgesetzt, kommt es nicht nur zu muskulären Problemen sondern auch zu dauerhaften Schädigungen des Stoffwechsel- und Immunsystems bis hin zu depressiven Störungen.

Beide Krankheitsbilder sind heute für über 40 Prozent aller Ausfallzeiten verantwortlich! Andersherum ausgedrückt: Die Bewegungsförderung gehört zu den größten Potenzialen, um Krankheitsbildern mit langen Ausfallzeiten vorzubeugen und bestehende Schädigungen zu therapieren. Entsprechend gestaltete Einrichtungen, Raumprogramme, Erschließungszonen und Zuwegungen haben also direkte, positive Auswirkungen auf Mitarbeitergesundheit und betriebliche Performance.

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