Die TREND REPORT-Redaktion im Gespräch mit Roland Bock, Principle bei Roland Berger erläutert, warum die digitalen Transformation mehr als ein reines Technologiethema ist und wie Mittelständler punkten können.

 

1. Herr Bock, die Hannover Messe hatte in diesem Jahr das Motto „Integrated Industry“. Was verbinden Sie damit?

Wir verbinden damit eine Erweiterung der klassischen Definition von „Industrie 4.0“, bei der es zunächst um die elektronische und technische Vernetzung der Produktion innerhalb eines Unternehmens geht.
„Integrated Industry“ umfasst zusätzlich die Herausforderungen an alle Teilbereiche der Industrie, sich unternehmens- und branchenübergreifend zu vernetzen.

Damit deckt sich das Motto der Hannover Messe mit unserem Verständnis von der digitalen Transformation, die mehr als ein reines Technologiethema ist, sondern sich nachhaltig auf Geschäftsmodelle und die Organisation der Unternehmen auswirken wird. Integrated Industry beschreibt also die Gesamtheit der technischen und organisatorischen Veränderungen und Herausforderungen, die sich durch Industrie 4.0 auch über Unternehmen und Wertschöpfungsstufen hinweg ergeben.
2. Welchen Weg muss dafür insbesondere der Mittelstand noch gehen?

Deutlich mehr Unternehmen begreifen Industrie 4.0 mittlerweile eher als Chance denn als Risiko, während dies in 2015 noch anders war. Trotzdem sieht sich heute leider nur eines von vier Unternehmen gut aufgestellt, die eigene digitale Transformation zu stemmen.

Während wir immer öfter konkrete Anwendungen z.B. von Big Data-Analysen und Predictive Maintenance mit greifbarem Mehrwert in der Praxis sehen, fällt vielfach die digitale Verknüpfung der Produktion mit anderen Funktionen wie Entwicklung, Einkauf oder Logistik schwer. Hier gilt es ebenso herauszuarbeiten, welche messbaren Vorteile entlang der Wertschöpfungskette möglich sind und welche Anforderungen künftig an das System Mensch und Maschine gestellt werden. Leider ist dies vielfach nicht so offensichtlich wie im Produktionsumfeld.

Deshalb ist Kreativität und ein eigener Weg von den Unternehmen gefordert, um gerade jetzt Wettbewerbsvorteile herauszuarbeiten.

 

3. Im Kern geht es um digitale Geschäftsmodelle entlang physischer Wertschöpfungsketten. Gibt es schon Best-Practices wie Mittelständler vorgehen können?

Der Fokus liegt hier sowohl auf der Transformation der bestehenden als auch auf der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Im Wesentlichen muss die Frage beantwortet werden:

Welcher wahrnehmbare Mehrwert kann bestehenden, aber auch neuen Kunden geboten werden?

Die meisten Unternehmen schauen dabei auf den Ausbau der eigenen Kompetenzen und die Stärkung ihres Kern-Knowhows. Erst mit Abstand folgen Themen wie Flexibilität und Effizienz oder der  Zugang zu Ressourcen. Hierfür allgemeine Best-Practices zu identifizieren, kommt der Suche nach dem heiligen Gral gleich. Aber wir sehen, dass gerade mittelständische Unternehmen ähnlich wie auch die großen Spieler verstärkt den Schulterschluss mit der Wissenschaft suchen und sich mit Unternehmen in ihrem erweiterten Geschäftsumfeld vernetzen.

Dazu werden auch die Möglichkeiten von Innovationshubs wie dem Roland Berger „Spielfeld“ in Berlin genutzt. Dort können sich Unternehmen, Start-ups und Innovatoren über verschiedene Industrien hinweg zusammenfinden, um neue Ideen bis hin zu ganzen Geschäftsmodellen zu entwickeln. Dies führt häufig zur Initialzündung für wirkliche Neuerungen mit echtem Kundenmehrwert.

 

4. Aktuelle Studien sehen Deutschland auf einem guten Weg beim Thema Industrie 4.0. Tatsächlich ist auch Asien bereits sehr weit. Wie können deutsche Unternehmen, insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau, den Vorsprung halten?

Zunächst muss jedes Unternehmen seine Positionierung in der digitalen Welt bestimmen und seinen Wertbeitrag möglichst klar definieren. Neben der Entwicklung einer eigenen Strategie erfordert dies auch eine noch stärkere Interaktion mit Kunden und Lieferanten.

Dazu kann aber auch gehören, sich mit Unternehmen auszutauschen, die in angestammten Geschäftsfeldern zu den Wettbewerbern gehören. So kann man disruptive Entwicklungen wie z,B. den Eintritt sogenannter digitaler Intermediäre gemeinsam diskutieren und geeignete Strategien entwickeln. Es gibt genügend Beispiele, dass es zu spät ist, wenn diese Spieler insbesondere intransparente Märkte für sich entdecken und Kunden mit Lieferanten auf überraschend innovative Art zusammen bringen.

Ein regelmäßiger Blick über den Tellerrand ist gerade jetzt besonders wichtig, weil die Entwicklungen rund um die Digitalisierung der Industrie aktuell so schnell sind. Das Risiko, alleine auf das falsche Pferd zu setzen, ist vielfach größer als neue Geschäfte gemeinsam zu erschließen – und sei es sogar mit Wettbewerbern.

Den aktuellen Stand Deutschlands auf dem Weg zur Industrie 4.0 sehen wir übrigens differenziert: In einigen Bereichen stockt die digitale Transformation noch.

5. Was sind die wichtigsten Kernaussagen Ihrer aktuellen Studien und wie sehen Sie den aktuellen Stand in Deutschland?

Deutschland muss in einigen Bereichen schneller werden und auch weiter denken. Die digitale Transformation kann durch sieben wesentliche Schritte angekurbelt werden:

• Bereitstellung geeigneter Finanzierung,

• Ausbau der digitalen Infrastruktur,

• Ermöglichen eines produktiven Wettbewerbs,

• Gewährleistung von Datenschutz,

• klare Verteilung von Verantwortlichkeiten in den Ländern und in Europa,

• Förderung der Digitalkompetenz

• Umdenken in der Businesskultur.

Wir gehen davon aus, dass eine erfolgreiche digitale Transformation die Kapitalrendite der verarbeitenden Industrie in Westeuropa von heute 18 Prozent auf 28 Prozent in 2035 steigern wird. Dies bedeutet einen zusätzlichen Wertbeitrag von 420 Milliarden Euro durch höhere Gewinne und weniger gebundenes Kapital. Der Wegfall von traditionellen Arbeitsplätzen kann durch über 10 Millionen neue Jobs insbesondere in den Bereichen Dienstleistung und IT deutlich überkompensiert werden.

 

Herr Bock, vielen Dank für das Gespräch!

Roland Berger Studie: Industrie 4.0 – „The Industrie 4.0 transition quantified“

Roland Berger GmbH

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.