Führungskräfte sensibilisieren

Die TREND-REPORT-Redaktion im Gespräch mit Frau Prof. Dr. Andrea Pieter, Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement, zum Thema „Betriebliches Gesundheitsmanagement im
Kontext der TREND-REPORT-Reportage „BGM -Orientierung gesucht“

 

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Frau Prof. Dr. Pieter, wie können Führungskräfte heute im Kontext von psychischen Krankheiten (Burnout & Co) sensibilisiert werden?
Die meisten Führungskräfte sind sich inzwischen der Problematik psychischer Erkrankungen am Ar-beitsplatz durchaus bewusst. Wichtig ist jetzt, dass sie erkennen, welche Rolle sie selbst in diesen Prozessen spielen. Gerade die Führung in einem Unternehmen beeinflusst die Zufriedenheit, das Wohlbefinden und damit die Motivation der Mitarbeiter und hat so direkte Auswirkungen auf die Produktivität und damit den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens.
Die Führungskraft kann psychische Belastungen wesentlich forcieren oder eben auch erheblich min-dern. Führungskräfte sind in diesem Kontext dafür zu sensibilisieren, dass sie Fähigkeiten und Kompetenzen erwerben um Fehlbelastungen auf Seiten der Mitarbeiter abzubauen, psychische Gefährdungen zu erkennen und zu beseitigen sowie die Beschäftigten im Umgang mit Stresssymptomen zu unterstützen. Dies führt mit Blick auf die Unternehmensziele für viele Führungskräfte wiederum selbst zu einem Dilemma, das ihre eigene psychische Gesundheit gefährden kann. Aber nur diejenige Führungskraft ist in der Lage ihre Mitarbeiter zu unterstützen, die selbst gesund und ausgeglichen ist. Damit dies gelingt, sollten Führungskräften Fähigkeiten und Kompetenzen erwerben, die eine gesundheitsförderliche Führung ermöglichen. Der Führungskraft kommt gerade in Bezug auf das Thema Gesundheit eine sehr große Vorbildfunktion im Unternehmen zu.

Können Sie die ökonomischen Schäden, die durch psychische Erkrankungen entstanden sind abschätzen oder beziffern?
Die Krankenkassen verzeichnen seit geraumer Zeit eine stetige Zunahme der Arbeitsunfähigkeitszeiten aufgrund psychischer Erkrankungen. Mit einem Anteil von 16,6% an den Arbeitsunfähigkeitstagen im Jahr 2014 ist nach Angaben der DAK der Anteil der Fehltage in diesem Bereich zum Vorjahr erneut angestiegen. Auch die Frühberentungen aufgrund psychischer Erkrankungen steigt kontinuierlich an. Psychische Erkrankungen gehören nicht nur zu den häufigsten, sondern auch zu den kostenintensivsten Erkrankungen, da sie oftmals mit einer langen Erkrankungsdauer verbunden sind. Die Bundesregierung hat den volkswirtschaftlichen Schaden, basierend auf Zahlen aus dem Jahr 2008, auf 99,6 Mrd. € beziffert. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin berichtet, dass alleine die direkten Kosten für psychische Erkrankungen bei ca. 16 Milliarden Euro pro Jahr liegen. Darüber hinaus können wir im Rahmen von Studien an unserer Hochschule immer wieder sehen, dass viele Mitarbeiter subjektiv einer hohen oder sehr hohen Belastung ausgesetzt sind, diese sich jedoch noch nicht in den Arbeitsunfähigkeitszeiten niederschlägt, sich jedoch durchaus auf die Produktivität der Mitarbeiter am Arbeitsplatz auswirken.
Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass sich im Rahmen epidemiologischer Studien zeigt, dass der Anteil der Bevölkerung, der an psychischen Erkrankungen leidet, in Deutschland seit langer Zeit relativ stabil bei ca. 33% liegt. Dies kann als Indiz gedeutet werden, dass weniger die psychischen Erkrankun-gen ansteigen als vielmehr das Bewusstsein für psychische Erkrankungen geschärft wurde und eine Enttabuisierung in diesem Bereich stattgefunden hat. Auch kann man von einer zunehmenden medi-zinischen Kompetenz und Diagnostik in diesem Bereich ausgehen.
Welche psychischen Risikofaktoren, im Kontext der Gesundheit von Beschäftigten am Arbeitsplatz, haben Sie ermittelt?
Die Effekte der Belastungen am Arbeitsplatz auf die Gesundheit können wissenschaftlich als gut belegt betrachtet werden und sind sehr vielfältig. Die wichtigsten Risikofaktoren psychischer Fehlbeanspruchungen gehen zum einen von der Tätigkeit selbst aus, also von der Arbeitsaufgabe und dem Arbeitsinhalt. Hierzu zählen beispielsweise Belastungen aufgrund routinemäßiger Tätigkeiten mit niedrigem Anforderungsniveau. Im Rahmen der organisatorischen Gestaltung der Tätigkeit liegen Hauptrisikofaktoren in häufigen Störungen oder Unterbrechungen des Arbeitsverlaufs, z.B. durch Telefon, Email etc. und starke Schwankungen im Arbeitsumfang, die zu Überforderung führen können. Auch eine Reihe physischer Risikofaktoren sind inzwischen nachgewiesen, d.h. Lärm, ungünstiges Raumklima oder beengte räumliche Verhältnisse. Schwieriger und ohne Einbeziehung der Betroffenen kaum zu erfassen und zu objektivieren sind die Einflussfaktoren, die aus den verschiedenen Dimensionen sozialer Beziehungen im Betrieb in vertikaler (zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern) oder in horizontaler Hinsicht (zwischen Mitarbeitern und Kollegen) resultieren und die als Risikofaktoren psychischer Fehlbeanspruchung, insbesondere für Stresszustände wirken können. Und letztlich stellen auch Unsicherheit des Arbeitsplatzes und prekäre Beschäftigung, hohe Anforderungen an die berufliche Flexibilität ohne hinreichende soziale Unterstützung und Förderung erhebliche Risikofaktoren für Stresszustände dar.

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie in den nächsten zwei bis drei Jahren?
Es ist damit zu rechnen, dass diese Entwicklung in naher Zukunft anhält. Die Zunahme psychischer Erkrankungen steht beispielsweise auch in einem Zusammenhang mit aktuellen Entwicklungen, den gesellschaftlichen und sozialen Wandel betreffend. Dieser stellt fast alle Bevölkerungsgruppen vor neue Herausforderungen und vor individuelle Unsicherheiten. So steigt die Angst in der Bevölkerung vor Altersarmut, Pflegenotstand etc. kontinuierlich an. Und natürlich spielen sich verändernde Bedin-gungen am Arbeitsplatz hier eine wichtige Rolle. Die WHO rechnet damit, dass sich die Zahl der psy-chischen Erkrankungen weltweit bis zum Jahr 2020 verdoppeln wird. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements in Unternehmen schon frühzeitig präventiv in diese Prozesse eingegriffen und einer Zunahme psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz entgegengewirkt wird. Und dieses Thema ist durchaus schon in den Unternehmen angekommen. An unserer Hochschule beispielsweise verzeichnen wir in den letzten Jahren eine sehr starke Zunahme der Nachfrage nach Studiengängen mit dem Schwerpunkt im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Unternehmen qualifizieren sowohl neue Mitarbeiter in dualen Bachelor-Studiengängen, aber auch bereits im Unternehmen tätige Mitarbeiter werden über Master-Studiengänge mit Bezug zu betrieblichem Gesundheitsmanagement weiterqualifiziert. Hierbei ist inzwischen auch festzustellen, dass zunehmend nicht nur Großbetriebe, sondern auch KMU diese Thematik aufgreifen. Während große Unternehmen in diesem Kontext häufig spezialisierte Abteilungen für das betriebliche Gesundheitsmanagement einrichten, ist es für kleine und mittlere Unternehmen sinnvoller, einen verantwortlichen Mitarbeiter zu qualifizieren, der Aktivitäten im Unternehmen und die Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern koordiniert.

Was muss jetzt konkret umgesetzt werden in Unternehmen?
Unternehmen müssen erkennen, dass Gesundheit ein wichtiger Faktor für Produktivität und Wettbe-werbsfähigkeit darstellt. Hierbei ist darauf zu setzen, Gesundheitskompetenz in Unternehmen aufzu-bauen und in das betriebliche Gesundheitsmanagement zu investieren. Sinnvollerweise investiert man zunächst in Kompetenzen im eigenen Unternehmen. Dies hat den Vorteil, dass individuelle Konzepte für die spezifischen Belastungen im Unternehmen entwickelt werden können. Ob die Umsetzung durch zusätzliche Ressourcen im eigenen Unternehmen schafft oder auf Dienstleister wie z.B. Krankenkassen, Fitness-/Gesundheitsunternehmen oder andere BGM-Anbieter zurückgreift, ist eine strategische Managemententscheidung und sicherlich auch wiederum abhängig von der Unternehmensgröße ist.
Unternehmen, die Gesundheit an ihren Arbeitsplätzen fördern, senken damit krankheitsbedingte Kosten und steigern so ihre Produktivität. Dies bedeutet, dass Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagement einen festen Platz in Unternehmen erhalten und ein Teil der Unternehmensstrategie bzw. Unternehmensidentität werden.
In Bezug auf die psychische Gesundheit ist der Schwerpunkt auf den Aufbau geeigneter individueller Ressourcen sowie die Vermittlung von Wissen und Handlungskompetenz im Umgang mit psychosozialen Belastungen zu legen. Interventionen sollten sich sowohl an die Führungskräfte als auch an die Beschäftigten richten und von gut ausgebildeten Fachkräften angeboten werden. Diese Fachkräfte sollten sich im Rahmen von zertifizierten Lehrgängen (z.B. IHK) weiterqualifiziert haben – was beispielsweise auch nebenberuflich möglich ist und somit interessant für kleine und mittlere Unternehmen sein kann oder aber sie sollten im Rahmen eines Bachelor- oder Masterstudiums mit Schwerpunkt auf dem betrieblichen Gesundheitsmanagement ausgebildet sein.

Über Frau Prof. Dr. Pieter
Prof. Dr. Andrea Pieter studierte Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie an der Universi-tät des Saarlandes. Nach ihrem Studium war sie an der gleichen Universität im Fachbereich Erzie-hungswissenschaft als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Forschung und Lehre tätig. Dort schloss sie 2004 ihre Promotion mit magna cum laude ab.
Im März 2007 wechselte sie von der Universität des Saarlandes an die Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (www.dhfpg.de), an der sie seit 2008 als Professorin für Gesundheitsmanagement den Fachbereich Psychologie / Pädagogik leitet. Seit 2013 ist sie darüber hinaus Prorektorin für Forschung an der DHfPG. Hauptsächlich beschäftigt sie sich mit Fragen der Gesundheitsbildung und der Veränderung des Gesundheitsverhaltens.

 

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Quelle und Lizenz

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